Geschichtspreis 2015

Der Geschichtspreis 2015 wurde Marie-Luise Sondermaier verliehen.

      Mit großem Engagement setzte sich Marie-Luise Sondermaier in der Schule sowie außerschulisch stets für die Vermittlung der Heimatgeschichte ein.

               Ein Schwerpunkt war insbesondere die mittelalterliche Stadt Mühldorf, deren Geschichte sie vielen Schülergenerationen und Lehrkräften näherbrachte.

             Die von ihr hervorragend und anschaulich vorbereitete Geschichtsrallye für Kinder findet immer großen Anklang.



          

Laudatorin Prof. Dr. Schreiber
, Vorsitzender Dr. Wanka
,  Preisverleihung mit Frau Spagl
 


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Rüstungswahn und menschliches Leid - Bewältigung und Erinnerung. 
Das Bunkergelände im Mühldorfer Hart

Mühldorf am Inn 2012, Heimatbund, 224 Seiten, zahlr. Abbildungen

Rezensiert von Rudolf Neumaier (München)     

Just an dem Tag, an dem die Alliierten in der Normandie landeten, fingen Zwangsarbeiter in der Nähe von Mühldorf am Inn an, einen Wald zu roden. Die Organisation Todt, die im nationalsozialistischen Deutschland für viele militärische Bauprojekte verantwortlich war, begann auf Hitlers Befehl einen gigantischen Rüstungsbunker zu errichten. Der Name des Projekts klingt makaber: Weingut 1. Wer heute vor der Ruine dieser Bauten im sogenannten Mühldorfer Hart steht, bekommt einen Eindruck von dem, was der Lokalhistoriker Peter Müller als "wahnhaftes Rüstungsdenken" bezeichnet. Mehrere tausend Menschen fielen hier diesem Wahn zum Opfer. Müller beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Mühldorfer Bunkergelände.
Er hat entscheidenden Anteil an der Aufarbeitung der Geschichte dieses Ortes, wenngleich er in aller Bescheidenheit darauf hinweist, dass die Studie von Edith Raim über die Dachauer KZ-Außenkommandos Kaufering und Mühldorf immer noch grundlegend sei.
Für den Leser, der dieses Kapitel der Weltkriegsgeschichte noch nicht kennt, bietet Müllers Buch einen sehr guten Einstieg in das Thema. Schlüsseldokumente sind in Faksimile abgedruckt, daneben enthält der Band zahlreiche Bilder - von Bauarbeiten, von Häftlingen, von Aufsehern, von Gräbern. Laut Müller handelt es sich um einen dokumentarischen Überblick über die wesentlichen Ergebnisse seiner umfangreichen Recherchen.
Einem einführenden Abschnitt über die Rüstungsindustrie im nationalsozialistischen Deutschland folgen Kapitel über Planung und Realisierung des Mühldorfer Rüstungsbunkers. In dem 400 Meter langen Bauwerk sollten circa 110 000 Quadratmeter Fertigungsfläche für den Bau des Düsenjägers Me 262 entstehen. Mit diesem Kampfjet wollte Hitler das Kriegsgeschehen noch zu seinen Gunsten wenden.
Zwölf Gewölbebögen mit einer Wandstärke von drei Metern waren geplant. Sieben wurden fertiggestellt, einer von ihnen steht noch. US-Truppen sprengten die übrigen sechs nach dem Krieg. Mit der Baugeschichte hält sich Peter Müller nicht auf. Nach einem Kapitel über die KZ-Außenlager der Umgebung und über das Waldlager, das nahe der Bunkerbaustelle errichtet wurde, nehmen die Opfer breiten Raum ein, die den Bunker unter widrigsten Bedingungen bauen mussten. Circa 10 000 Zwangsarbeiter waren vom Frühjahr 1944 an im Mühldorfer Hart eingesetzt. Müller hat ihre Herkunft recherchiert, er schildert ihren Tagesablauf, ihre Verpflegung, die medizinische Versorgung und den Tod im Lager. Allein mehr als 2000 Häftlingsleichen wurden später aus den Massengräbern exhumiert. Für kundige Wanderer sind die Vertiefungen heute noch im Mühldorfer Hart sichtbar, jedoch unscheinbarer als die Erdlöcher des Waldlagers. Auf die Gewaltverbrechen geht Müller ebenso explizit ein wie auf die SS und ihre Lagerorganisation.
Der Autor bleibt nicht beim Kriegsende und der Evakuierung des Lagers stehen. Gerade dies macht dieses Buch zu einem Musterbeispiel für exzellente und auch unentbehrliche Arbeit, die ehrenamtliche Geschichtsforscher leisten können. Der dritte Themenkomplex beginnt mit der Frage "Wie verhielt sich die Bevölkerung?" - und gerade für die Nachkriegszeit hat der pensionierte Gymnasiallehrer Müller reichlich Material gefunden. In der Bevölkerung habe ein "Verdrängungsprozess" eingesetzt, "der den Zivilisationsbruch der Vorgänge in den Konzentrationslagern und um das Rüstungsbauwerk in der Erinnerung auszublenden versuchte" (S. 143). Müller stellt die juristische Aufarbeitung der Verbrechen im Mühldorfer Hart dar, und er schließt mit dem Kapitel "Erinnerungsarbeit seit 1945".
Müller selbst war der erste, der zu Beginn der achtziger Jahre mit dem Anspruch eines Zeithistorikers nach der Geschichte des Mühldorfer Harts fragte und seine Recherchen im "Mühlrad", dem Jahrbuch des Mühldorfer Geschichtsvereins Heimatbund, veröffentlichte. Im Jahr 2000 gründete sich ein "Verein für das Erinnern". Er engagiert sich für eine würdige Gedenkstätte am Mühldorfer Bunkergelände und ist seinem Ziel nicht zuletzt durch die Geschichtsarbeit von Peter Müller inzwischen recht nahe gekommen.
Müllers Buch hat der Heimatbund Mühldorf herausgegeben. Mit solch professionellen Publikationen, die Verlagsveröffentlichungen in nichts nachstehen, unterstreichen heimatkundliche Vereine ihre Bedeutung für die Erinnerungskultur.

Erschienen am 31.01.2013