Mühldorf mit seiner näheren Umgebung war als Salzburger Exklave sowohl ein befestigter Stützpunkt der Salzburger Macht, als auch eine bedeutende und reiche Handelsstadt. Die benachbarten bayerischen Pfleger ließen deshalb keine Gelegenheit verstreichen, den Mühldorfern den Brotkorb möglichst hoch zu hängen. Es war deshalb äußerst wichtig, dass die Salzburger Landesherren von Anfang an darauf bedacht gewesen waren, ihrer Stadt die Lebensgrundlage zu sichern. Besonders Wiesen und Äcker als Quelle der Ernährung seiner Bürger bedurften deshalb innerhalb des Mühldorfer Burgfriedens eines besonderen Schutzes. Dies versuchte man durch eine genaue Festlegung und Abgrenzung des zur Stadt gehörenden Grundbesitzes zu erreichen. So wurde in einem Vertrag des Jahres 1442 der Grenzverlauf des Mühldorfer Burgfriedens (als das unmittelbare Gebiet der Stadt) festgelegt. Man orientierte sich bei der damaligen Grenzziehung hauptsächlich an auffälligen landschaftlichen Gegebenheiten wie Bächen, Gräben oder Wegen. Allerdings führte auch dies in der Folge immer wieder zu Grenzstreitigkeiten zwischen dem Erzstift Salzburg - zu dessen Herrschaftsbereich Mühldorf gehörte - und Bayern.

1577 wurden dann erste „Marchsäulen" gesetzt, die zunächst auf der einen Seite das bayerische, auf der anderen Seite das Wappen der Stadt Mühldorf trugen. Aber noch immer kam es wegen unterschiedlicher Grenzauslegungen zu Unstimmigkeiten zwischen Salzburg und den angrenzenden bayerischen Landgerichten. Eine Kommission legte deshalb nach einer gemeinsamen Ortsbesichtigung im Neuöttinger Vertrag vom 13. Juli 1661 die Grenzen erneut fest. Durch das Setzen von zunächst 50 nummerierten Steinsäulen wurde so im Oktober 1665 der genaue Verlauf des Mühldorfer Burgfriedens an Ort und Stelle bestimmt.

Die aus rötlich-weißem Untersberger Marmor von einem Salzburger Steinmetz gefertigten Grenzsteine ragen zwischen 1,20 m und 1,50 m aus dem Boden, wobei ihre Basis ein Quadrat von 25-30 cm Seitenlänge bildet. Alle tragen sie ein Hütchen in Form einer Pyramide. Der ganze Stein ist aus einem Stück gemeißelt und trägt jeweils das bayerische und salzburgische Wappen und nicht mehr das Mühldorfer Wappen. Unterhalb der Wappen wurden fortlaufende Nummern eingemeißelt. Die Grenzsteine sind allerdings nicht insgesamt durchnummeriert, sondern tragen nördlich des Inn die Nummern 1-23 und im Süden die von 1 bis 27.

Im September 1665 kamen die 50 Steine zu Schiff auf dem Flussweg über Salzach und Inn nach Mühldorf. Alle Grenzsteine wurden so gesetzt, dass das salzburgische Wappen der Stadt Mühldorf zugekehrt ist. Das bayerische Wappen schaut demzufolge ins „feindliche Ausland", nach Bayern, hinaus.

Einige der Grenzsteine sind im Laufe der Jahrhunderte verlorengegangen oder wurden durch Kriegseinwirkungen zerstört. Der Geschichtsverein Heimatbund Mühldorf hat einige in den letzten Jahren durch Nachbildungen ersetzen lassen. Sie geben noch heute in etwa den Verlauf des ehemaligen Mühldorfer Burgfriedens wieder und zeigen zwischen Mühldorf und Mettenheim sogar den genauen Verlauf der Stadtgrenze an.

Einige Grenzsteine tragen eine besondere Bezeichnung. So nannte man schon 1442 den Ort, wo die Grenzsäule Nr. 3 aufgestellt wurde, „Zuckenmantel". Eine Bezeichnung, die sich auch auf den Stein übertrug. An dieser Stelle des nördlichen Burgfriedens befand sich früher ein Fallgitter, das nach außen hin von selbst zufiel und so das Weidevieh am Ausbrechen hinderte. Hier wurden auch die im nördlichen Bereich Mühldorfs festgenommenen Schwerverbrecher dem angrenzenden Neumarkter Landgericht übergeben. Das Wort „zucken" bedeutet soviel wie: wegnehmen, rauben. „Zuckenmantel" heißt demnach etwa: „entreiß ihm den Mantel", oder „raube den Mantel". Denn eine frühe Überlieferung besagt, wer ohne Mantel war, galt als schutzlos.

Die recht ungewöhnliche Bezeichnung „der Luftgselchte" übertrug sich ebenfalls auf einen der Grenzsteine. Diesen Namen trägt die Säule Nr. 8, im Süden des Burgfriedens. Diesem Stein stand der Galgen des angrenzenden Landgerichts Mörmoosen auf bayerischem Gebiet gegenüber. An dieser Stelle ließ man den Übeltäter, sofern er „malefizisch" geworden war, nach erfolgtem Todesspruch durch das genannte Landgericht, baumeln. Was der Volksmund drastisch dann als den „Luftgselchten" bezeichnete.

Eine Kuriosität in Sachen Grenzsteine ergab sich 1665, dem Jahr der Aufstellung. Nachdem im östlichen Teil der Mühldorfer Stadtgrenze die letzten Steine gesetzt waren, musste man feststellen, dass der Acker eines dem Kurfürstentum Bayern unterstehenden Bauern plötzlich innerhalb des Burgfriedens lag. Das Grundstück wäre somit salzburgisch geworden. Deshalb nahm man in diesem Bereich eine neue Grenzziehung vor und markierte sie mit drei Eichenpfählen, die zwei Jahre später durch Steinsäulen ersetzt wurden. Zur Unterscheidung erhielten diese Steine jedoch keine Nummerierung, sondern wurden mit den Buchstaben A, B und C versehen. Somit beträgt die genaue Zahl der Salzburger/Mühldorfer Grenzsäulen 53.

Die Mühldorfer Grenzsteine gehören neben den sogenannten „Schimmelsteinen" der einst freien Reichsgrafschaft Haag und den „Mohren- und Hacklsteinen" im Landkreis Erding zu den ganz wenigen noch erhaltenen Steindenkmälern dieser Art in unserem Land. Sie stehen deshalb auch unter Denkmalschutz und sollten möglichst lange erhalten bleiben.

 

Nach:

Herbert Kroiß, Salzburger Grenzsteine, in: Mühldorf – Stadt am Inn,

Hg. Heimatbund Mühldorf, 2. überarbeitete Auflage 1996, S. 305 – 310.